Mobile Betreuung

Die Jugendlichen, die zu uns kommen und eine Weile in den Wohngruppen gelebt haben, haben schnell gelernt, wie sie sich in Deutschland verhalten sollten. Mit 18 Jahren müssen sie die Einrichtung verlassen. Die meisten sind zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht in der Lage, ihr Leben selbständig zu führen. Aus diesem Grund bereiten wir die Jugendlichen auf diesen Schritt gründlich vor.

Persönlichkeitsdefizite auf Grund ihrer gravierenden Traumatisierungen erschweren es den Jugendlichen, die für ein selbständiges Leben notwendige Stabilität zu erlangen. In der Mobilen Betreuung (MOB) werden die jungen Menschen daher individuell und intensiv dabei begleitet, sich mit allem, was zu einem eigenständigen Leben dazu gehört auseinander zu setzen und zu lernen, woher sie Hilfe und Unterstützung in unterschiedlichen Notlagen bekommen. Eine für die jungen Menschen notwendige Weiterführung der Begleitung ist über die Intensivpädagogische Einzelbetreuung (INSPE) in der Regel für max. weitere sechs Monate möglich. Gesetzliche Grundlage §§ 35, 36, 41 SGB VIII


Mehmed aus einem nordafrikanischen Land: 

Ein Junge auf der Straße eines nordafrikanischen Landes. Sein Name? Wir kennen ihn nicht. Mehmed nennt er sich. Es gibt keine liebevollen Eltern, die ihm unter die Arme greifen, wenn es mal schwieriger wird; nur das Gesetz der Straße. Mit neun Jahren geht er mit Bekannten los: nach Spanien. Er geht klauen, weil er Hunger hat. Schläft draußen, wo es gerade „passt“. Er weiß nicht wie lange er sich auf der Straße aufhält. Irgendjemand sagt ihm, in Frankreich sei es besser. Also: auf nach Frankreich. Aber dort findet er auch keinen Anker. Er zieht weiter, gehetzt von den Ausländergesetzen des jeweiligen Landes.

Als Mehmed zu uns in die Einrichtung kommt, ist er siebzehn. Er kommt mit einem halbleeren Rucksack, die Augen voller Angst. Das Leben auf der Straße hat Spuren hinterlassen. Mehmed ist nicht nur mehrfach traumatisiert, seine Lebensumstände haben ihn psychisch völlig aus der Bahn geworfen. Er hat psychotische Erlebnisse: Er führt Selbstgespräche, er ist sprunghaft und unberechenbar. Eigentlich sind wir nicht die richtige Einrichtung für ihn, aber wohin mit einem jungen Menschen, der kein Deutsch spricht. Mit einem jungen Menschen, der aufgrund eingeschränkter kognitiver Fähigkeiten als nicht therapierbar eingestuft wird? Also versuchen wir ihn vor allem mit Wertschätzung und Empathie aufzufangen.

Eigentlich hat Mehmed kein Vertrauen mehr darin, dass ihm hier, bei uns, tatsächlich geholfen wird. Dass man ihn nicht wieder wegscheucht, wie einen Straßenhund. Nur ganz langsam wird er ruhiger, er kommt an. Er führt weniger Selbstgespräche, manchmal erscheint ein Lächeln in seinem Gesicht. Inzwischen ist Mehmed achtzehn und lebt in unserem Verselbständigungs-Appartement. Damit ist er auf dem Weg in die Selbständigkeit, in die „Mobile Betreuung“: seine erstes eigenes zu Hause. Der Sog hin zu einer gewissen Regellosigkeit und zur „Freiheit auf der Straße“ ist noch sehr stark, aber er hat mittlerweile gelernt, immer pünktlich „nach Hause“ zu kommen. Ja, Mehmed hat gelernt, was ein „zu Hause“ sein kann. Das erste Mal in seinem Leben.